Sonntag, 26. Mai 2013

Regentage



Kind,
heute vor sieben Monaten bist du aufgewacht in einem fremden Bett.
Zum ersten Mal nach vier Jahren.
Am Abend zuvor, dem 25.10.2012, hatten dich die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes nicht mehr nach Hause gebracht.
Ich bin dir nachgefahren, Kind,
habe das Auto aus den Augen verloren auf der Autobahn,
wusste aber, dass ich das Gesundheitsamt in Ludwigshafen suchen musste.
Ich fragte einen jungen Mann in einer Videothek, 
der mir den Weg zeigte.
Beim Gesundheitsamt warst du gar nicht.
Doch die Ärztin dort war sehr hilfsbereit
und druckte mir eine Karte aus zur Kinderarztpraxis,
wo du untersucht wurdest.
Noch ein weiteres Mal half mir ein junger Mann, 
den ich dort in Pfingstweide nach dem Weg fragte.
Ich fand die Praxis, ging hinein, man hieß mich zu warten.
Dann bat mich die Ärztin zur Besprechung.
Währenddessen schaffte man dich fort.

Heute vor sieben Monaten bist du in einem fremden Bett aufgewacht.
Zwischengelagert in einer Bereitschaftspflegefamilie.
Warum?
Wäre das Experiment, dich zu deiner Herkunftsfamilie zu bringen,
sonst gleich misslungen?

Man hat dich in ein Vakuum gesteckt.
Wir, deine vertraute soziale Familie, waren abgeschnitten von dir.
Die neue Bereitschaftspflegefamilie kanntest du nicht.
Das bisschen Vertrauen zu deiner Herkunftsfamilie sollte dazu dienen, 
deine leidende Seele wenigstens mit Bekanntem zu befriedigen.
Aus deiner Not hat man dann formuliert,
du wünschtest dir, zu deiner Herkunftsfamilie zu kommen.
So einfach geht das, Kind.
In Deutschland.
2012.

*


Am 22. Mai schreibt uns der Bürgerbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz, Herr Dieter Burgard:

Sehr geehrte Frau Rabenschlag,

ich danke für Ihre E-Mail vom 08.05.2013 sowie Ihre Mitteilung,
dass die Herkunftsfamilie Ihres Pflegekindes zwischenzeitlich nach Bayern verzogen ist.
Dies hat zur Folge, dass die Zuständigkeit einer Verwaltung des Landes Rheinland-Pfalz,
bei der ich mich für Sie einsetzten könnte,
nicht mehr gegeben ist.
Vor diesem Hintergrund schlage ich vor,
den Vorgang bei mir abzuschließen
und unterstelle Ihr Einverständnis,
wenn ich innerhalb der nächsten zwei Wochen keine gegenteilige Nachricht von Ihnen erhalte.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Dieter Burgard


*

So einfach geht das.
In Deutschland.
2013.



*

Kommentare:

  1. Ich weiss ja was und wie das passiert ist. Wenn ich das hier nocheinmal lese werde ich ganz traurig ... warum, warum ?
    Und dann dieser unpersönliche Text des Herrn Bürgerbeauftragten dazu. Wo ist die Menschlichkeit? Nichts verstanden, froh abschliessen zu können, oder?

    Herr Bürgerbeauftragter ich bin sehr enttäuscht von der Art wie Sie die "Aufträge" abarbeiten!
    Vor sieben Monaten wurde das Herz eines Kindes gebrochen ... die Menschen die mit dem Kind lebten, es lieben wurde eiskalt behandelt.
    Wenn ich jemals ein Kind, Menschen so behandelt haben sollte würde ich mich schämen. Diese Aussage gilt auch für die Verantwortlichen des damaligen Jugendamtes ... !!
    Aber auch dort wird gut geschlafen, denn der Aktendeckel konnte ja zugeklappt werden!

    Ich bin nicht mehr entsetzt, nach der langen Zeit ist mein Gefühl in eine Traurigkeit und Hilflosigkeit umgeschlagen.

    Was habt Ihr dem kl.L. angetan?

    Elisabeth

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    1. Seit Ende Dezember 2012 ist die Petition dem Bürgerbeauftragten bekannt; am 10. Januar 2013 haben wir ein weiteres Mal ausführlich Stellung bezogen mit allen Fakten, die geschehen sind und die unbeanstandet blieben. Es gab genug Zeit, sich einzusetzen, als die Zuständigkeit einer Verwaltung des Landes Rheinland-Pfalz noch gegeben war.-
      Die geschehene Tat bleibt doch in Rheinland-Pfalz; sie ist nicht nach Bayern umgezogen.

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  2. Es fehlen mir die Worte, ich bin so traurig und ich weine innerlich, bei dem Gedanken, dass der kleine L. irgendwo da draußen in Bayern ist, weg von seinen Freunden und den Menschen, die ihm eine Chance gegeben haben, im Leben einmal zurecht zu kommen. Wie lange soll dieser Albtraum noch dauern? Bitte denken Sie einmal nach, Herr Dieter Burgard, das kann es doch nicht gewesen sein!! Und bitte noch einmal nachdenken, bitte das kann man doch nicht zulassen!! Liebe Grüße - in Gedanken bei L. und bei Ihnen liebe Stefanie

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