Sonntag, 25. Oktober 2015

Der Baum ist ein Fisch.





"Nicht müde werden...",
schreibt Hilde Domin als Anfangszeile eines ihrer Gedichte.

Auch nach drei Jahren nicht müde werden,
diesem Kind und seiner Geschichte die Hand hinzuhalten.

Wie eine große Welle sind die Asylsuchenden in diesen Monaten
bei uns "an Land" gegangen;
in ein Land, Deutschland, dessen Leitkultur und dessen Werte
sie gebeten sind zu akzeptieren.

Deutschland:
auf einer deiner Straßen wurde heute vor drei Jahren 
ein Kind weggenommen aus seinem friedlichen Leben.
Kein Polizeiaufgebot schützte dich, Kind.
Ich fuhr dir nach, so schnell unser altes Auto es schaffte.
Fand dich, und durfte dich nicht mehr sehen
dort in dieser mitverschworenen Kinderarztpraxis 
in Ludwigshafen-Pfingstweide,
in Deutschland mit seiner Leitkultur.

In Deutschland, Kind, beim Amtsgericht in Neustadt/Weinstraße,
fand sich ein Richter, Herr Fitterer, der diese Aktion 
des Jugendamtes Rhein-Pfalz-Kreis
und des Ludwigshafener Zentrums für individuelle Erziehungshilfen
für rechtens urteilte und dein Kindeswohl sicherte.
In Lachen-Speyerdorf, Auf der Platte 2, war deine erste Station,
wohin man dich verbrachte,
deine erste Nacht außer Haus in einem fremdem Bett,
mit fremden Menschen,
in Deutschland mit seiner Leitkultur.

Deine Herkunftsfamilie zog rasch mit dir weg nach Bayern.
Wir stellten den Antrag beim Amtsgericht Kaufbeuren,
mit dir Kontakt haben zu dürfen.
Nein, das dürfe wegen deines Kindeswohles nicht sein,
sonst rissen die Wunden wieder auf,
sprach der Richter Hammer beim Amtsgericht Kaufbeuren,
in Deutschland mit seiner Leitkultur.

Gestern vor einem Jahr,
am Abend des 24. Oktobers 2014,
rief deine Tante bei uns an 
und erzählte uns deine ganze leidvolle Geschichte,
geschehen in Deutschland mit seiner Leitkultur.
Aus Not und Trauer über den Abbruch deiner Zeit bei uns
warst du so krank geworden,
dass du nach Augsburg in die Kinderpsychiatrie musstest.
Von dort kamst du in ein Heim,
in Bayern, das liegt in Deutschland mit seiner Leitkultur.

Im Februar, im März und im April diesen Jahres
hatten wir das große Glück, du und ich,
dass wir uns wiedersehen konnten
und gleich wussten, dass wir uns nie vergessen hatten
und uns immer noch liebhaben.

Weil du froh und auch ein bisschen durcheinander
von diesem Wiedersehen warst,
gab es wieder Menschen, die für dein Kindeswohl zu sorgen meinten
und mir nicht mehr erlaubten, dich zu besuchen,
in Bayern, das liegt in Deutschland mit seiner Leitkultur.



Er fliegt zu dir, Kind.


*



Kommentare:

  1. Köpfe werden das nie verstehen.
    Herzen werden das nie verstehen.
    Wer denn?
    Und wann?
    Und Jetzt?

    AntwortenLöschen
  2. Danke fürs Schreiben und öffentlich machen
    Bleib mutig immerzu
    Nein, verstehen kann auch ich keine einzige dieser "Taten"

    AntwortenLöschen
  3. "Es gibt Schlimmeres. Warum soll ein Kind nicht trocken, sauber und satt in einem Heim leben?
    Heime sind heutzutage viel besser als früher.
    Mancher arme Flüchtling wäre froh, wenn es ihm so gut ginge..."

    AntwortenLöschen
  4. Weil trocken, sauber und satt nicht die Seele nährt.
    Weil ein Kind kein Heim, sondern ein Zuhause braucht.
    Weil ihr, wie du schreibst gleich wußtet, dass ihr euch nicht vergessen hattet und noch immer lieb habt.
    Claudiagruß

    AntwortenLöschen